Silicon Valley spielt in Linz

(Quelle: diepresse.com)

Ursprünglich ermöglichten Brettspiele mit digitalen Technologien das Alleinspielen. Das Linzer Unternehmen Rudy Games geht den entgegengesetzten Weg: Combined Games verbinden interaktive Inhalte mit dem klassischen Gesellschaftsspiel.

In den Kinderzimmern des 20.Jahrhunderts fanden sich recht früh Spiele, die nur mit Batterie funktionierten. Etwa die unzähligen Quizspiele, bei denen die Spieler mittels elektrischer Kontakte auf dem Spielplan überprüfen konnten, ob die jeweilige Antwort stimmte. Waren die zwei richtigen Punkte verbunden und der Stromkreis damit geschlossen, leuchtete das Lämpchen. Die Elektronik ermöglichte es, allein zu spielen. Der neuere Einsatz digitaler Technologien, Elektronik klingt mittlerweile schon fast wieder angestaubt, geht aber in eine andere Richtung und versucht, dynamische Inhalte in Gesellschaftsspiele einzubinden und diese multimedial anzureichern.

Ein früher Versuch war die “Master Strategy Series” für die Magnavox-Odyssey-Videospielkonsole Anfang der Achtzigerjahre. Das eigentliche Geschehen fand zwar auf dem Spielbrett statt, aber für Kämpfe wurde auf die Spielkonsole gewechselt. Das überraschend gut funktionierende Konzept hat das aktuell stattfindende Zusammenwachsen verschiedener Spielformen vorweggenommen, geriet aber durch den großen Crash der Videospielindustrie um 1983 in Vergessenheit. Was in den Jahren danach folgte, waren konzeptionell sehr dünne Versuche, teure und unausgereifte Elektronik als plakatives Verkaufsargument zu integrieren. Trauriger Höhepunkt Anfang der 1990er war “Legend of Zagor”. Erdacht vom Erfinder der Abenteuerspielebücher Ian Livingstone stellte sich das Fantasybrettspiel mit Sprachausgabe spielerisch als äußerst dürftig heraus und war kommerziell ein Flop.

Ebenfalls glücklos versuchte das deutsche Unternehmen Public Solution 2008 mit der auf Transpondertechnologie basierenden Yvio-Konsole auf dem Markt Fuß zu fassen. In der Konzeptphase noch als verlagsübergreifende Plattform geplant, wurden schließlich nur Spiele aus eigener Entwicklung präsentiert. Spielerisch großteils auf der Höhe der Zeit, musste das Unternehmen dennoch bereits 2010 mangels Absatzes Insolvenz anmelden. Erfolgreicher hat Ravensburger im vergangenen Jahrzehnt das Thema vorangetrieben: zuerst durch geschlossene digitale Systeme, wie etwa im Kinderspiel “Schnappt Hubi”, dann mit dem Tip-Toy-Multimedia-Stift.

Da mittlerweile in fast jedem Haushalt ein Smartphone zu finden ist, wurde mit Smart-Play vergangenes Jahr eine Halterung präsentiert, die das Telefon über dem Spielbrett positioniert und mittels App allerlei Interaktion ermöglicht.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Linzer tech2b Start-up Rudy Games, das das tabletunterstützte Strategiespiel “Leaders” vor einigen Monaten auf den Markt gebracht hat. Entstanden ist die Idee wie so viele andere auch beim Spielen. Gertrude Kurzmann, Reinhard Kern und Manfred Lamplmair waren in einer regelmäßigen Spielerunde und begannen, irgendwann zu überlegen, wie man das Lieblingsgenre denn erweitern könne. Zuerst waren es nur selbst gebastelte Karten, die geheime Aufträge und zusätzliche Aktionen ermöglichten, aber irgendwann kam der technikaffine Lamplmair auf die Idee, die mühsame Handhabe dem Tablet zu überlassen. Herausgekommen ist dabei das Konzept der Combined Games, also Brettspiele, die von einem digitalen Gerät unterstützt und erweitert werden.

Wobei Lamplmair betont, dass es um die Ergänzung des klassischen Spiels auf dem Tisch und nicht um dessen Ersatz gehe. Das gemeinsame Spielen am Tisch bleibt der Kern des Erlebnisses. “Leaders” erinnert also nicht zufällig an ein beliebtes Strategiebrettspiel und orientiert sich mitunter auch an dessen Abläufen. Der Spieler am Zug erhält aber das Tablet und kann damit ungesehen für die anderen Mitspieler diverse Einstellungen vornehmen, in Forschung investieren oder Sabotage betreiben. Was sich zu Beginn etwas mühsam und eher nach Verwaltung anfühlt, rückt mit zunehmender Spieldauer immer mehr in den Mittelpunkt. Es ist die geheime Interaktion und sind die von der gewählten Nation abhängigen Möglichkeiten, die den Reiz der Sache ausmachen. Die erste Auflage von „Leaders“ war rasch ausverkauft, und mittlerweile sind bereits drei Erweiterungen erhältlich. Dabei zeigt sich die Stärke des offenen Konzepts: Neben den im Grundspiel vertretenen Nationen bringt jede Erweiterung ein neues historisch inspiriertes Thema ins Spiel. Kuba, Südafrika und Australien sind die neuen Schauplätze. Und tatsächlich ändert sich das Spielgefühl spürbar.

Kurzmann sieht das Potenzial des Unternehmens aber auch im Bereich des Community-Managements und darauf aufbauender Weiterentwicklung: “Wir sind durch die App, die permanent mit dem Server kommuniziert, ganz nah an unseren Spielern dran und können sehr gezielt optimieren.”

GPS für Haustiere
Es dürfte diese unmittelbare Kommunikation sein, die dem Unternehmen seit der Gründung viel Aufmerksamkeit verschafft hat. 2014 wurde der Innovationspreis Edison in Bronze gewonnen, und seit Kurzem ist Rudy Games Teil des oberösterreichischen Hightech Incubators Tech2b. Was etwas kryptisch klingt, ist ein Netzwerk, dass neben finanziellen Förderungen auch personelles Know-how bietet. Als Mentor für Rudy Games fungiert dabei Michi Hurnaus, der mit seinem Unternehmen Tractive GPS-Tracking für Haustiere bietet und davor einige Jahre in den USA bei Amazon und Microsoft gearbeitet hat.

Dorthin zieht es nun auch Kurzmann und Lamplmair, deren Unternehmen als eines von 18 österreichischen von einer US-Expertenjury ausgewählt wurde und es auf die Teilnehmerliste der Technologieinitiative Go Silicon Valley geschafft hat. Das von der Außenwirtschaft Austria initiierte Programm soll österreichischen Unternehmen den Einstieg in den US-Markt und den Zugang zu Risikokapital erleichtern. Von April bis Juni werden Kurzmann und Lamplmair ein sogenanntes Geschäftsanbahnungsprogramm beieinem Business Accelerator im kalifornischen Silicon Valley absolvieren, also Networking in Reinkultur, aber mit Spielebranchenriesen wie Electronic Arts, Atari und Disney Interactive vor der Tür durchaus reiz- und sinnvoll. Denn im Alleingang wird es für das Linzer Start-up schwierig werden, auf dem Markt nachhaltig Fuß zu fassen. Der Yvio-Konsole ist das seinerzeit aus diesem Grund nicht gelungen. Der Sprung über den Teich könnte also genau das Richtige sein, um den bisweilen etwas konservativen europäischen Markt zu umgehen.

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