Schneller Raum

Natalie Pichler liebt Räume in Bewegung. Deshalb arbeitet die junge Designerin am liebsten im Zug. Wenn sich Räder unter ihr drehen, kommen auch ihre Gedanken ins Rollen, und das Skizzenbuch füllt sich mit Notizen und Zeichnungen. Auch Autos haben sich schon als mobiles Büro im Arbeitsleben der reiselustigen Gestalterin bewährt: "Ein Projekt habe ich auf dem Weg nach Italien auf dem Beifahrersitz entwickelt."
Dabei hat es sich zwar eben nicht um Wallz gehandelt, das Pichler Anfang September offiziell an die Verkaufsstartlinie gebracht hat, doch der Roadtrip in den Süden hätte einen würdigen Gründungsmythos für das faltbare Raumsystem made in Upper Austria abgegeben. Dessen Geburtsort ist jedoch ein etwas profanerer: Die Kunstuniversität Linz, an der die umtriebige Absolventin der Sankt Pöltener New Design University (Innenarchitektur und 3-D-Design) nun Textildesign studiert. "Die Vorarbeiten für Wallz sind alle in einem Studienprojekt passiert", erzählt Pichler, "da habe ich nach Wegen gesucht, schnell und billig Raum zu schaffen."

Architektur-Origami für die Nomaden von heute
Zum Beispiel für die vielen Designermodemärkte, die Pichler so gerne besucht, "auf denen man aber leider mangels Umkleidekabinen viele Stücke gar nicht anprobieren kann." Doch Pichlers Anspruch an ein bewegliches Raumsystem ist von Anfang an größer gewesen als bloß eine temporäre Garderobe zu ersinnen: "Ich wollte einen flexiblen Raum für die Nomaden von heute schaffen." Und zwar nach Pichlers oberstem Gestaltungsprinzip: schlicht und edel. "Ich habe ein Rieseninteresse an Japan", sagt die Wallz-Erfinderin, "denn japanische Gestaltungen sind fast immer sehr reduziert und einfach, ohne dabei kühl zu wirken."
Pichlers Japanophilie und insbesondere ihre Begeisterung für die Papierfaltkunst Origami stand dann auch Pate für die ersten Wallz-Prototypen – maßstabsverkleinerte Modelle zunächst aus gefaltetem Papier und dann aus Holz. Letzteres ein Werkstoff, zu dem Pichler als Tischlerstochter – "ich habe schon als Kind kleine Möbel in Papas Werkstatt gebaut" – zwar besonderen Bezug hat, der aber als Konstruktionsmaterial für Wallz schnell ausgeschieden war: Zu steif, zu schwer, zu sperrig. Für den ersten Prototyp in Originalgröße überzog die Designerin einen Karton mit Papier. 

"Hat grauenhaft ausgeschaut", sagt sie rückblickend. Die Lösung fand sich, einmal mehr, auf Reisen: En route nach Barcelona kam Pichler auf die finale Kombination von Wellpappe und Stoff.

Auch das Geschäftliche will bedacht sein
Als sie mit dem Entwicklungsstand für's erste zufrieden war, reichte sie Wallz beim tech2b-Ideenwettbewerb EDISON ein – und landete prompt im tech2b-Programm. "Das war großartig, weil ich noch einmal Zeit bekommen habe, ganz intensiv an der Idee weiterzuarbeiten und mir auch Gedanken über das Geschäftliche zu machen", sagt Pichler. Der von Lachen begleitete Nachsatz: "Ohne tech2b hätte ich die wirtschaftliche Seite vermutlich links liegen gelassen." Ebensowenig wie die Begleitung durch ihren tech2b-Mentor Wolfgang Viehböck möchte sie ihre Studienreise nach Japan und ihr Auslandsjahr an der University of the Arts London Camberwell missen. "In Japan habe ich mich noch einmal eingehend mit Raumkonzepten beschäftigt, und in London hat mich unter anderem meine Professorin – lustigerweise eine Japanerin – so wie mein Mentor sehr darin bestärkt, am Konzept dranzubleiben."

Feine Sache, fair gemacht
Das ist nun zu Ende gedacht und gebracht: Wallz gibt es als Raumfaltset aus acht jeweils 165 x 40 Zentimeter großen Modulen, die zusammengefaltet in jedes Auto passen. "Die 40 Zentimeter Breite entsprechen den Distanzen zu den Dingen und Menschen in unserem Privatraum", erläutert Pichler die mentale Dimension der Abmessungen. Die Konstruktion aus stabilem Wellpappekern unter wasser- und reissfestem Stoff ist leicht und handlich. Wem die 3,20 Meter zu wenig sind, kann mittels eingenähter Magnete weitere Wallz-Elemente dazu kombinieren.
Fertigen lässt Pichler in einer sozialwirtschaftlich geführten Näherei von Pro Mente: "Mir ist es ganz wichtig, dass von der Produktion Menschen profitieren, die es am Arbeitsmarkt und im Leben schwer haben." Auch wenn Pichler gerade noch mit verschiedenen Vertriebspartnern verhandelt, sind die ersten Wallz schon in Gebrauch. In einigen Großraumbüros wie jenen der Agentur Fredmansky etwa. Und dort, wo Pichler doppelte Freude an ihrer Erfindung hat: Als Garderoben auf Designermodemärkten.

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