Liebeleien, Romanzen und Vernunftehen: Wenn Start-ups und Corporates einander "Ja" sagen

Menschen und Unternehmen: Das sind zwei Paar Schuhe. Doch was ihr Beziehungsleben betrifft, sind sie sich durchaus ähnlich. Zum Beispiel, wenn es um die zarten Bande einer technologisch-wirtschaftlichen Kooperation junger Start-ups mit zumeist schon reichlich lebenserfahrenen Industriebetrieben geht: Man sucht einander, weil der Andere genau das hat, was einem selber fehlt. Findet man sich, kommt endlich zusammen, was zusammengehört. Im Fall einer Unternehmensliaison sind das Infrastruktur, Marktmacht und Erfahrung auf der einen und Innovationskraft plus Risikofreude nebst Flexibilität auf der anderen Seite.

Compliance bremst Innovation aus
So wenigstens sieht es Werner Pamminger, der als Leiter von Oberösterreichs Standortagentur Business Upper Austria direkt und indirekt mit rund 3.000 Unternehmen im Jahr zu tun hat. "Große Betriebe tun sich sehr schwer mit Innovationen", sagt Pamminger, "das liegt zum einen an der Compliance – also dem Reglement, dem die Unternehmen unterliegen – und zum anderen an ihrem Effizienzauftrag, der die zum Erfinden und Entdecken notwendige Freigeistigkeit zu stark einschränkt." Die meisten Traditionsbetriebe hätten aus gutem Grund auch ihre liebe Not mit der unbekümmerten Strategie von Versuch und Irrtum, die für Start-ups typisch ist. Pamminger: "Wo Absicherungsmentalität herrscht, ist Scheitern imagemäßig ganz schlecht konnotiert."

In einem Start-up hingegen steht das Scheitern quasi auf der Tagesordnung, wie tech2b-Geschäftsführer Markus Manz aus langjähriger Arbeit mit Start-ups weiß: "Das gehört zum Risiko, mit dem Start-ups ganz bewusst leben."

Die spieltheoretische Risikofreude
Die Risikobereitschaft von Start-ups lässt sich erklären: Wie die Spieltheorie besagt, nehmen Habenichtse ein Risiko weitaus leichter in Kauf als jemand, der schon viel zu verlieren hat. Eben diese Risikobereitschaft resultiert häufig in Innovationen, die diesen Namen auch verdienen: Lösungen, Prototypen und Geschäftsmodelle, die es so vorher noch nicht gegeben hat.

In den klassisch geprägten Systemen beschränkt sich Innovation hingegen auf die mühselig errungene Verbesserung bereits etablierter Produkte und Prozesse. Dass die ganz jungen Markteilnehmer den älteren in punkto Effizienz überlegen seien, verweist Markus Manz allerdings ins Reich der Legenden: "Start-ups müssten mit ihrer zumeist dürftigen Kapitalausstattung effizient sein, sind es aber gar nicht. Die meisten entwickeln sich in eine ganz andere Richtung als erwartet und reüssieren oft mit etwas, das so anfangs gar nicht geplant war."

Effizienz sei die Domäne der wirtschaftsgeschichtsreichen Betriebe, die den Start-ups auch in anderen Bereichen viel voraus haben. Einen guten Markennamen, Infrastruktur und Produktionsknowhow, Zugang zu verschiedenen Märkten und ein starkes Vertriebsnetz zum Beispiel. Und nicht zuletzt auch Kapital.

Oberösterreich versus Süddeutschland
Der beidseitige Nutzen einer Ehe der ungleich alten Heiratskandidaten ist offensichtlich. In der Tat "vergeht kein Tag, an dem es nicht in den verschiedensten Formen zu einer Berührung zwischen Corporates und Start-ups kommt", bestätigt Markus Manz. Dafür haben er und sein Team mit der tech2b-Submarke PIER 4 eine eigene Dockingstation geschaffen, auf der oberösterreichische Leitbetriebe mit gezielt vorselektierten Start-ups in Kontakt kommen. Mit seiner aufblühenden Gründerszene und einer bundesweit einmaligen Industriebetriebsdichte ist Oberösterreich der perfekte Markt für diese Datingplattform: "Wir matchen uns nicht mit dem Silicon Valley, auch wenn wir in Oberösterreich unter Garantie die bessere Infrastruktur für neue industrielle Anwendungen haben als in der Metropolregion San Francisco", erklärt der tech2b-Geschäftsführer, "sondern wir matchen uns mit Regionen wie Stuttgart und München." Und das recht erfolgreich, denn bei den regelmäßigen PIER 4-Sessions präsentieren sich vermehrt Start-ups aus Süddeutschland und Tschechien, die in ihren Heimatregionen einen ähnlich gut gebahnten Zugang zu den industriegesellschaftlichen Leistungsträgern missen müssen.

Ungleiche Paare
Innerhalb kurzer Zeit haben Manz und Pamminger schon etliche Partnerschaften einfädeln können. Als Beziehungsstiftern liegen ihnen allen Größen- und Altersunterschieden zum Trotz Allianzen auf Augenhöhe am Herzen. Mit Argusaugen darüber zu wachen ist müßig, wie sich Manz freut: "Die Industrie annektiert die Start-ups nicht, sondern begegnet ihnen mit Respekt für ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten. Allerdings ist die Branchenexklusivität der Partnerschaft schon immer ein Thema."
Die Start-ups nehmen wahlweise die Rolle von Zulieferern oder Partner in Joint Ventures ein, die in der Regel mit Test- und Pilotprojekten in einem Nischenbereich beginnen. Wie in allen Partnerschaften sorgen die Unterschiede, die den Reiz des Zusammenseins ja erst ausmachen, im Arbeitsalltag des öfteren für Konflikte. "Man muss sich eben gegenseitig aushalten", kommentiert Markus Manz das trocken.

Das nächste große Ding: Spin-outs
Über die Outside-In-Strategie hinaus, bei der die Innovation vermittels Kooperation mit einem Start-up ins Industrieunternehmen kommt, haben Pamminger und er mit dem diametral entgegengesetzten Inside-Out ein weiteres großes Beratungs- und Betätigungsfeld im Blick. "Beim Inside-Out-Ansatz geht es sozusagen darum, aus bestehenden Unternehmen heraus Start-ups zu gründen", erläutert Pamminger. "So ein Spin-Out empfiehlt sich immer dann, wenn Mitarbeiter Ideen entwickeln, die im Unternehmen selbst aus welchen Gründen auch immer nicht realisierbar sind. Da haben wir noch viel Bewusstseinsbildung und Überzeugungsarbeit zu leisten – aber die zu leisten ist unumgänglich, weil hier wirklich große Potenziale schlummern."

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Foto: Pixabay

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