Hoss: ohne Beine über Stock und Steine

Mit dem Hoss machen Lukas Rigler und Dominik Lorenz den Rollstuhl weltgerecht statt die Welt rollstuhlgerecht.

"Du musst damit aus der Küche auf die Straße hinaus zur Trafik und über einen Schotterweg durch den Park wieder nach Hause fahren können": So fasst Lukas Rigler das Pflichtenheft für den Rollstuhl 2.0 zusammen. Dieses Pflichtenheft hat der junge Automatisierungstechniker aus Waldhausen im Strudengau mit seinem Geschäfts- und Entwicklungspartner Dominik Lorenz, einem so gut wie fertig studierten Mechatroniker aus Linz, bereits weitgehend abgearbeitet. Die Zukunft einer völlig neuen Elektromobilität für alle auf den Rollstuhl Angewiesenen ist dank Riglers und Lorenz' Start-up Hoss Mobility nicht mehr bloß zum Greifen nahe: Sie hat bereits begonnen.

Barrieren sportlich nehmen
In Gestalt des Hoss, wie die beiden ihren auf zwei großen Rädern mit geländetauglichem Profil selbstbalancierenden Rollstuhl getauft haben. "Herkömmliche Rollstühle haben vier Räder", erklärt Rigler, was daran so bemerkenswert ist: "Zwei angetriebene große Räder plus zwei Laufräder, die das eigentliche Problem sind. Kleine Laufräder bieten Wendigkeit, kapitulieren aber schon vor kleinsten Hindernissen; große Laufräder sorgen für Geländegängigkeit, aber erschweren das Wenden und Navigieren auf engem Raum." Erst das Weglassen der Laufräder schafft den Rollstuhl, der allen Situationen gewachsen ist: Vom Umdrehen im Lift bis zur Ausfahrten auf einer Schotterstraßen oder am Strand.

Ein Segway, Herr Fleiner und Ebay
Statt unsere an Barrieren so reiche Welt so weit als möglich rollstuhltauglich zu machen, besteht Riglers und Lorenz' Strategie darin, den Rollstuhl welttauglich zu machen. Die intellektuelle Elternschaft für dieses Konzept darf einerseits der Segway für sich verbuchen. Und andererseits ein umtriebiger deutscher Rollstuhlfahrer namens Olli Fleiner. Zueinander finden die beiden, als der bekennende Segway-Fan Rigler – "mir taugt vor allem seine Antriebstechnik" – im Jahr 2012 seinen Segway auf Ebay versteigert und Fleiner das Bieterrennen darum macht.
"Er hat mich dann immer wieder angerufen und nach technischen Details gefragt", erinnert sich Rigler, "und ich hab' mir schon gedacht: Was ist das für ein Spinner? Bis ich draufgekommen bin, dass er mit Hilfe eines Schmiedes versucht, einen Rollstuhl daraus zu bauen. An diese Möglichkeit habe ich als Nichtbehinderter einfach nicht gedacht." Als Fleiner Rigler schließlich das Ergebnis präsentiert, realisiert Rigler den enormen Mehrwert des Antriebssystems, Und meint angesichts der "wild auf den Segway drauf genieteten Box" spontan: "Ich glaube, das kann ich besser."

Tuningszene für Rollis
2013 fängt Rigler an, Segways in geländegängige Rollstühle umzubauen. "Apache" heißt das Modell mit den kleineren Reifen, "Sitting Bull" die Offroad-Variante. Nicht nur Fleiner ist begeistert: Rigler präsentiert das Gefährt auf einer Messe und erntet parallel zum euphorischen Feedback auch jede Menge Aufträge. Zur Abwicklung gründet er eine Firma und baut rund 200 Segways zu Rollstühlen um, die vor allem deutsche Behinderte mobil machen und eine regelrechte Tuningszene entstehen lassen. "Richtig gutes Geld" verdient Riglers Unternehmen dabei, und stellt sich doch die Frage: Mache ich das noch zwei, drei Jahre so weiter, solange es noch Segways gibt? Oder verabschiede ich mich von dieser Technologie, die sich letztlich nicht durchgesetzt hat und baue stattdessen einen Rollstuhl, an dem vom Antrieb bis zur Steuerung per Joystick alles selbstentwickelt ist? Und der die Mankos des Apache und des Sitting Bull behebt: Dass Antrieb und Aufbau keine integrierte Einheit darstellen – und dass man einen Rest Bewegungsfähigkeit braucht, um das Gefährt mit dem Oberkörper zu beschleunigen, zu bremsen und zu steuern.

Neustart Marke Eigenbau
2015 entscheidet sich Rigler zur Neuentwickoung und weiß, dass er nun einen Mechatronikprofi braucht. Einen, der mit demselben Enthusiasmus ans Werk geht wie er und bereit ist, die finanzielle Durststrecke am Anfang des Weges zum Erfolg durchzustehen. Den Partner findet er in Dominik Lorenz, Unterstützung in tech2b: "Schon das Büro, das wir ein Jahr lang bekommen haben, war eine große Hilfe. Aber eine noch größere Hilfe waren die vielen Kontakte, die wir vermittelt bekommen haben – und die Beratung, ohne die wir die große FFG-Förderung wahrscheinlich nicht bekommen hätten."
In der noch jungen Unternehmensgeschichte ist die Förderzusage der FFG der eine große Durchbruch: "Da haben wir uns nach einem Jahr zum ersten Mal ein Gehalt ausbezahlt." Riglers Eigenkapital ist zu diesem Zeitpunkt schon aufgezehrt: "Am Anfang glaubst du, dass du bloß um ein paar hundert Euro Blech und Elektronik kaufst." Ein Irrtum, wie die Buchhaltung der Hoss Mobility belegt: Allein 2018 wendet das Start-up 60.000 Euro für den Einkauf von Material für Prototypen auf.

Karlsruhe, wir kommen!
Denn die Programmierung und Perfektionierung der Steuerungssoftware ist nur auf der Basis voll funktionaler Hardware möglich, wie Rigler sagt: "Simulationen sind immer idealisiert – da gibt es keine herumwackelnden Benutzer, die das System irritieren."
Den zweiten großen Durchbruch verzeichnet er mit Lorenz im November 2018 bei der ersten Fahrt auf dem Hoss. Die letzte Herausforderung, die es im 500 m2 großen Laboratorium der Hoss Mobility in Waldhausen noch zu bewältigen gibt, ist die Geschwindigkeitssteuerung.
Bereits auf dem Programm steht die Präsentation des Hoss auf der Reha-Messe 2019 in Karlsruhe. Von dort wollen und werden Lorenz und Rigler mit den ersten Vorbestellungen zurückkehren. Ihren ersten Mitarbeiter begrüßen die beiden demnächst: Einen ehemaligen Baumarktleiter, der die Produktion mit einer Jahreskapazität von bis zu 300 Stück in Waldhausen aufbauen wird. Abnehmer dafür wirbt bereits der wichtigste Botschafter der Hoss Mobility an: Olli Fleiner, der den Hoss bereits am Linzer Hauptplatz getestet hat. Mit einem glücklichen Grinsen.

Alle Infos unter www.hoss-mobility.com

Kontakt lukas@hoss-mobility.com

Fotos: tech2b/Andreas Balon

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