Gutes Geld

(Quelle: business Magazin der Raiffeisenlandesbank OÖ)

Die Finanzindustrie wird grün, nachhaltige Geldanlage ist das Motto der Stunde. Die EU schafft dafür gerade die passenden Rahmenbedingungen.

Biogemüse, Elektroautos, Strom von der Fotovoltaikanlage auf dem Dach – im Kampf gegen den Klimawandel gibt es viele Möglichkeiten. Nur mit dem Geld war das bisher so eine Sache: Da wurde nicht immer so genau darauf geachtet, in welche Aktien, Fonds oder Anleihen investiert wird. Das hat sich in den vergangenen Monaten radikal geändert: Grüne Anlagen sind zum zentralen Thema der Finanzindustrie geworden, vom sehnsüchtig erwarteten Wirtschaftsaufschwung nach der Coronakrise mal abgesehen. Vom großen institutionellen Investor bis zum kleinen Privatanleger, der für seine Pension spart, hat dieser Klimawandel beim lieben Geld längst alle Bereiche erfasst.

Geld kann das Klima retten
Der Hintergrund: In welche Unternehmen, Branchen und Projekte wie viel investiert wird, hat entscheidende Auswirkungen nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf das Klima. Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Teodoro Cocca, Leiter der Abteilung Asset Management am Institut für betriebliche Finanzwirtschaft der Johannes Kepler Universität Linz, analysiert: „Der Finanzmarkt ist für die Umwelt- und Klimapolitik eine der stärksten Waffen, denn wenn mit dem Thema der Nachhaltigkeit hohe Renditen erzielt werden können, entsteht automatisch eine Lenkung des Kapitals in solche Themen.“ Dieser Trend intensiviere sich derzeit. Florian Hauer ist Fondsmanager und ESG-Verantwortlicher bei der KEPLER-FONDS KAG, Fonds-Tochter der Raiffeisenlandesbank OÖ. ESG steht für Environment, Social and Governance; damit werden die Standards nachhaltiger Anlagen umschrieben. Auch er ist der Meinung, dass die Finanzindustrie einen großen Hebel habe, wenn es um Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht. „Es ist aber schwer messbar, wie groß der direkte Einfluss ist. Wir kaufen ja Aktien am Sekundärmarkt, andere verkaufen sie.“ Wenn aber immer mehr Investoren bei der Geldanlage auf soziale und ökologische Aspekte achten, verändern sie damit die Verhältnisse in der wirtschaftlichen Praxis Schritt für Schritt. Kepler selbst war mit dem Umwelt-Aktienfonds 2018 und mit den ersten ESG-Fonds schon in den frühen 2000er-Jahren einer der Ersten, die sich in diese Richtung bewegt haben. „Nun springt der ganze Markt auf den Trend auf, davon profitieren wiederum jene Titel, die wir im Portfolio haben. Wir können stolz darauf sein, früh auf Nachhaltigkeit gesetzt zu haben“, sagt Hauer.

EU definiert ESG-Kriterien
Derzeit legt die gesamte Finanzindustrie bei der Nachhaltigkeit einen Zahn zu – getrieben vom Markt, aber auch von der Politik. Die EU hat mit der sogenannten Taxonomie ein Klassifikationssystem für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt; im Speziellen werden die Kriterien für klimafreundliches Investieren umschrieben. Schon seit diesem März müssen Unternehmen des Finanzdienstleistungssektors laut einer neuen EU-Verordnung zu den „nachhaltigkeitsbezogenen Offenlegungspflichten“ Informationen zum Thema ESG zur Verfügung stellen; das gilt für das Unternehmen selbst sowie für die angebotenen Anlageprodukte. Genaue Kriterien für nachhaltige Produkte treten dann Anfang 2022 in Kraft. Teodoro Cocca zeigt sich darüber erfreut: „Wie wir selber bei der Befragung von Investoren eruieren konnten, ist ein wesentliches Hindernis für die Glaubwürdigkeit von nachhaltigen Investments die Skepsis bezüglich der Definition des Begriffes.“ In diesem Sinne sei es zu begrüßen, dass durch die EU-Taxonomie ein Standard festgelegt wird. Mehr Transparenz, mehr Glaubwürdigkeit – das ist das Ziel.

Kepler-Experte Hauer warnt aber, dass die Umsetzung für die gesamte ESG-Palette noch dauern wird, schließlich ist Klimaschutz nur ein Aspekt der Nachhaltigkeit. Zunächst sollen demnach nur Bereiche aus den grünen Geschäftsfeldern berücksichtigt werden, erst später auch soziale Aspekte. Das Motto der EU: ein Schritt nach dem anderen. Fest steht aber: Die Vorgaben der EU können Anlegern einen besseren Durchblick verschaffen. Bisher tun sich diese nämlich eher schwer damit, zwischen Marketing und echtem Engagement für den Klimaschutz zu unterscheiden. Dennoch spielen nach Ansicht von Teodoro Cocca Gütesiegel schon jetzt eine gewisse Rolle. „Es sind aber eher Ratings für institutionelle Anleger, da diese bei Privatanlegern meist zu wenig bekannt sind.“ Florian Hauer empfiehlt deshalb, vorerst Bekanntem zu vertrauen und Informationen zu sammeln: „Bis etwas Einheitliches für ganz Europa da ist, sollte man sich an Siegeln wie dem Österreichischen Umweltzeichen oder dem FNG-Siegel orientieren und Transparenz von den Anbietern einfordern.“ Kepler selbst erfülle diesen Wunsch unter anderem mit Tagesberichten auf der Homepage und dem Transparenzkodex; die ESG-Fonds sind zudem mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet.  

Nachhaltigkeit bringt Rendite
Ein weiterer Grund für die steigende Popularität grüner Anlagen: Rendite und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus, im Gegenteil. „Vor einigen Jahren noch war bei nachhaltiger Geldanlage bei vielen Anlegern eher die Sorge vor dem eingeschränkten Anlageuniversum im Vordergrund“, erklärt Hauer. Aktuell werden vor allem die positiven Aspekte gesehen, dass zum Beispiel durch Nachhaltigkeitskriterien auch Risiken vermieden werden. Dazu kommt: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, speziell Unternehmen mit Fokus auf Umwelttechnologien, profitieren aktuell an der Börse vom Stimmungswandel bei den Investoren.

Unternehmen gefordert
Mehr Transparenz braucht es aber nicht nur bei der Geldanlage. Ein Problem für die Finanzdienstleister selbst ist der Mangel an zuverlässigen Firmendaten. Wenn aus den Unternehmen nicht die nötigen Informationen für eine Einschätzung der klimarelevanten Maßnahmen kommen, tun sie sich in der Entscheidungsfindung schwer. Florian Hauer meint, dass eine genaue Zuordnung der Umsätze und Investitionen von Unternehmen zu den von der EU definierten grünen Geschäftsfeldern nur dann möglich sei, wenn die Unternehmen entsprechende Veröffentlichungen machen. „Investoren müssen zum Beispiel genau wissen, wie viel ein Mineralölunternehmen in erneuerbare Energie investiert.“ Die Berichterstattung der Unternehmen – auch jene über extrafinanzielle Aspekte wie Umweltrisiken – werde aber immerhin durch regulatorische Anforderungen laufend verbessert. Könnte der Trend zur nachhaltigen Anlage dennoch wieder schwächer werden?
Teodoro Cocca: „Ich denke, das wird so schnell nicht geschehen, da wir am Anfang einer langfristigen Entwicklung stehen, die von viel Innovation getrieben wird.“ Außerdem werden dadurch Themen entstehen, die „wir uns heute noch nicht vorstellen können“. Auch Florian Hauer ist sicher, dass der Trend inzwischen unumkehrbar ist: „Es ist ein starker Signaleffekt, der von der Finanzindustrie in Richtung der Wirtschaft gesetzt wird: Wir wollen nachhaltige Geschäftsmodelle forcieren.“

Infobox

EU-Taxonomie
Die  Zukunftsaussichten für grüne Geldanlage sind blendend, nicht zuletzt wegen der jüngsten politischen Weichenstellungen: Die USA sind unter dem neuen Präsidenten Joe Biden wieder dem UN-Klimaabkommen beigetreten, China will CO2-neutral werden, die EU sieht sich überhaupt als weltweites Musterbeispiel für grüne Politik. Dazu wurde die Taxonomie – das ist ein Klassifikationssystem – für nachhaltige Geldanlage geschaffen, die nun sukzessive umgesetzt wird. Zunächst werden Klimaschutzziele berücksichtigt. Die Taxonomie soll dazu beitragen, den Green Deal der EU mit dem Ziel einer Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen.

Gütesiegel für Anleger
Ein einheitliches Gütesiegel für nachhaltige Anlageprodukte gibt es in der EU derzeit noch nicht – und allzu rasch dürfte auch keines kommen. Auch wenn der Startzeitpunkt noch nicht fix ist, das EU Ecolabel für Finanzprodukte wird voraussichtlich 2022 oder 2023 eingeführt. Es gibt aber bereits Siegel, an denen sich Anleger orientieren können. In Österreich sind das etwa das Österreichische Umweltzeichen, das auch für die Finanzbranche verfügbar ist und unter anderem von Kepler verwendet wird. Weitere Siegel sind das vor allem im deutschsprachigen Raum bekannte FNG-Siegel (Forum Nachhaltige Geldanlagen), das SRI-Label der französischen Regierung und Greenfin.

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