Fenster in die Zukunft: Wie ein Industriebetrieb Innovationsgemeinschaften mit Start-ups eingeht

In der globalen Glasindustrie spielt die österreichische LiSEC-Gruppe mit Maschinen und Software ganz vorne mit. Über die erfolgreiche hauseigene Forschung und Entwicklung hinaus geht der Weltmarktführer nun auch Innovationsgemeinschaften mit Start-ups ein. Einer der dafür zugezogenen Partnerschaftsvermittler ist der oberösterreichische Inkubator tech2b.

Lifecycle, Innovation, Service, Experience, Competence: So buchstabiert die LiSEC-Gruppe mit Sitz in Hausmening im Industriesprechfunk ihren Namen. Für die Innovation sorgen 40 Forschungsmitarbeiter, deren Erfolge sich sehen lassen können. Gezählte 330 Patente laufen auf die LiSEC, die jedes Jahr aufs Neue einen namhaften Teil ihrer Einnahmen in ihre F&E-Aktivitäten investiert. Und dennoch sollen künftig vermehrt Partner von außen für das Tüpfelchen auf dem Innovations-I des Paradeindustriebetriebs werden. Wie und warum das?
"Es geht uns um einen Mindset-Change", sagt Oliver Pichler, der als Chief Financial Officer der LiSEC unter anderem dafür sorgt, dass seine Kollegen im F&E-Bereich aus einem gut dotierten Budget schöpfen können. "Wir sind traditionell sehr werkstoff- und maschinenlastig und daran gewöhnt, alles bei uns selbst im Haus zu entwickeln."
Der Autarkieanspruch der LiSEC hat gute historische Gründe, die bei ihrem Gründer Peter Lisec liegen: Da es die Verarbeitungsmaschinen, die man als Glashersteller gebraucht hätte, nicht gab, baute man sie eben selber. Doch Digitalisierung und Disruption auf Geschäftsmodellebene stellen auch einen Global Player wie die LiSEC vor neue Herausforderungen.

Tachonadel nach rechts
Die liegen, wie Pichler sagt, vor allem in der Schnelllebigkeit neuer Entwicklungen und Verfahren. Tempo ist denn auch für LiSEC-CEO Othmar Sailer das zentrale Motiv für die erweiterte Innovationsstrategie des Traditionsbetriebes: "Die 'time to market' wird immer wichtiger, deshalb wollen wir in der Partnerschaft mit Start-ups an Geschwindigkeit zulegen."
Inhaltlich setzt die LiSEC weder sich noch den Start-ups Grenzen für Ideen, wie man Bestehendes optimieren und Neues in die Unternehmenswelt bringen könnte. Besonderes Interesse besteht jedoch über die Digitalisierung von Produktionsprozessen sowie die Wertschöpfung mit Big Data hinaus an Innovationen im Bereich Service und Ersatzteilmanagement sowie der Logistik. "Gerade das sind die Bereiche, in denen wir noch keine lange eigene Forschungs- und Entwicklungsgeschichte haben", stellt Oliver Pichler fest, "doch genau dort liegen die nachhaltigen Wachstumschancen mit interessanten Margen."

Wechselseitig attraktiv
Damit befindet sich die LiSEC in bester Gesellschaft mit anderen führenden Industriebetrieben, weiß Projektmanagerin und Gründungsberaterin Nina Gruber von tech2b. Der oberösterreichische Inkubator ist einer der Beziehungsstifter für die Partnerschaften, die seit einiger Zeit verstärkt zwischen alteingesessenen Industriebetrieben und frisch gegründeten Start-ups entstehen. Die Anziehungskraft ist eine wechselseitige, beobachtet Gruber: "Viele Große wie die LiSEC suchen gezielt Partner in der Start-up-Szene, die ihrerseits mit Enthusiasmus auf diese Öffnung anspringt."

Mit Enthusiasmus reagiert die Start-up-Szene auch auf die gemeinsam von LiSEC, tech2b und dessen niederösterreichischem Inkubator-Pendant accent ausgeschriebene Innovation Challenge. "Aus den vielen Einreichungen die besten Ideen herauszufiltern, ist direkt ein Problem", freut sich Oliver Pichler, "wenn auch natürlich ein Luxusproblem." Ganz neu ist die Kooperation mit Start-ups weder für ihn noch für die LiSEC. "Auch ohne Challenge treten laufend Entrepreneure mit Ideen an uns heran, weil sie sehen, dass wir das Knowhow und die Ressourcen haben, daraus etwas zu machen", erzählt der CFO, "wenn die Idee Potenzial hat, entwickeln wir sie gemeinsam weiter und entscheiden dann, ob wir langfristig dranbleiben wollen."

Bevor er bei LiSEC eine eigene Challenge ins Leben gerufen hat, hat er sich mit anderen Unternehmen auseinandergesetzt, die bereits mit Start-ups kooperierenden Unternehmen auseinander gesetzt. Gelernt hat er dabei, dass jedes Start-up seine ganz speziellen eigenen Bedürfnisse und Notwendigkeiten hat: "Darum muss man jede Partnerschaft individuell gestalten."

Größe hat zwei Seiten
Es ist vor allem die Begeisterung, mit der die Start-ups ihre Ideen verfolgen, die es Pichler und dem LiSEC-Management angetan haben. Ebenso wie die Bereitschaft, Entbehrungen auf sich zu nehmen. "Das finde ich schon sehr inspirierend", zieht Pichler den Hut. "Wenn man in einem Großbetrieb eine Idee hat, wird sie einem Gremium vorgelegt und wenn sie nicht gleich mit einer Markstudie gestützt wird, ist sie schnell wieder vom Tisch."
Behindert die eigene Größe die interne Innovation mitunter auch, wird sie in der Kooperation mit Start-ups jedoch zum Joker. "Start-ups profitieren von nichts mehr als von einem starken Partner", sagt tech2b-Beraterin Gruber. "Ein Start-up muss Vieles gleichzeitig im Auge haben", gibt Pichler zu bedenken, "zur Produktentwicklung kommen ja noch Produktion, Marketing, Verkauf und Vertrieb sowie das Juristische dazu. Da können wir das Meiste abdecken und es den Start-ups ermöglichen, sich in der Zusammenarbeit mit uns auf die Umsetzung der Kernidee zu konzentrieren."

Mit Geduld und langem Atem
Und das ist ohnehin schwer genug. Die große Herausforderung, der sich Innovateure bei der LiSEC gegenüberstehen sehen, ist neben der ausgedehnten Produktpalette die schiere Zahl der Serviceniederlassungen. Da ist nicht jede Lösung für jeden Markt ideal. "Maschinenbezogene Ideen wird man überall umsetzen können, kundenspezifische eher nicht", meint Nina Gruber.
Neben intellektueller und technischer Findigkeit ist in solchen Fällen auch Beharrlichkeit eine gefragte Tugend. "Weil wir selber schon so lange F&E betreiben, wissen wir auch, dass Innovation nicht von heute auf morgen passiert", sagt Oliver Pichler. "Wir können unseren Partnern aus der Start-up-Szene auch unsere Geduld und die Gemeinschaft bieten, gemeinsam durch das Tal der Tränen zu gehen, das es in jedem Innovationsprozess einmal zu queren gibt. Wer uns kennt, weiß, dass wir einen langen Atem haben."

(c) LiSEC

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