Ecofly: die Herren der Fliegen

   
Mit Millionen von Larven und Unterstützung von tech2b arbeitet Ecofly an einer nachhaltigen Neuordnung der heimischen Protein- und Fettproduktion.

Um ein Unternehmen dem populären Gründermythos getreu in einer Garage zu starten, muss man nicht ins Silicon Valley gehen. Das funktioniert in Ranshofen im Innviertel ebensogut, wie der Chemiker und Aquakulturspezialist Simon Weinberger und der angehende Kultur-und Wasserwirtschaftsingenieur Michael Forster bezeugen können: Im Mai 2016 begannen die durch eine langjährige Freundschaft und ein lebhaftes Interesse am nachhaltigen Wirtschaften und Leben verbundenen Innviertler auf dem Biohof von Forsters Eltern mit einer ganz speziellen Art von Viehzucht: Der systematischen Vermehrung der Schwarzen Soldatenfliege, die im Wissenschaftslatein auf den klingenden Namen Hermetia Illucens hört. Mit dem Ziel, das importierte Fischmehlfutter in den Aquakulturen der Eltern und eines Onkels von Weinberger durch die proteinreichen Fliegenlarven quasi aus heimischem Anbau zu ersetzen.

Trebermast am Biobauernhof
Die Garage war "der einzige mögliche Platz", erzählt Weinberger, der sich mit seinem Kompagnon bald über den gewünschten Zuchterfolg freuen durfte: "Relativ schnell haben wir 500 Kilo Larven pro Woche produziert." Für diese Menge bedarf es einer Heerschar von 2,5 Millionen Larven und 5 Tonnen Biertreber aus einer der zahlreichen Innviertler Brauereien als wachstumstreibendem Larvenfutter. Nach der mechanischen Trennung von Eiweiß und Öl im Anschluss an den kollektiven Hitzeschocktod bleibt bei dieser Menge ein Rest von 125 Kilo organischem Material, das vorzüglich als hochwertiger Biodünger taugt. Knapp sechs Wochen dauert der komplette Zyklus von Fliege zu Fliege.
Der Erfolg animierte Forster und Weinberger, Ecofly zu gründen: Ein Start-up mit dem Ziel, eine kommerziell rentable Fliegenzucht im großen Stil aufzuziehen. Denn wenn es nach den übereinstimmenden Prognosen von Landwirtschafts- und Ernährungsexperten geht, steht den Insekten noch eine große Zukunft als klimafreundlichen Eiweiß- und Fettlieferanten bevor.

Die Welt wartet schon
Man muss nicht soweit gehen wie der britische Gastrophysiker Charles Spence, der die maßgebliche Aufgabe seiner Zunft für das 21. Jahrhundert in der erfolgreichen Überzeugungsarbeit für den menschlichen Insektenverzehr sieht: Weinberger und Forster konzentrieren sich fürs Erste auf die Futtermittel-, Kosmetik- und Düngemittelbranche, in denen die bei der Verwertung von Larven anfallenden Proteine, Öle und organischen Restsubstrate hochwillkommen wären. Mit der Betonung auf dem Konjunktiv, denn die Fliegenzucht in industrieller Dimension stellt Ecofly und seinen Mitbewerb noch vor die eine und andere Schwierigkeit. "Technisch beherrschen wir den Prozess bereits sehr gut", berichtet Weinberger, "die Herausforderungen liegen auf der biologischen Seite." Und zwar, weil sich durch die Skalierung nach oben verschiedene Zuchtparameter sprunghaft verändern.

Der CEO und CTO als Handwerker
Die Garage ist bereits Unternehmensgeschichte von Ecofly. Inzwischen betreibt das Start-up eine Pilotanlage in einem vormaligen Saatgutwerk in Antiesenhofen, in dem der CEO (Weinberger) und der CTO (Forster) auf 1.700 m2 Hallenfläche unermüdlich selbst Hand angelegt haben. In die Revitalisierung der Förderanlagen und die Installation der Larvenzuchtklimakammern Marke Eigenbau und haben die beiden mittlerweile "einen mittleren sechsstelligen Eurobetrag" investiert. "Hätten wir das von einer Baufirma machen lassen, wären wir vermutlich schon bei einer Million Investitionskosten, schätzt Weinberger. Das Geld kommt zum Teil aus den rund zehn verschiedenen Förderungen, die Ecofly bis dato lukriert hat; das Startkapital hat aber der Co-Founder und mehrfach erfolgreiche Gründer Bernhard Protiwensky eingebracht. Ebenso wie das alte Werk in Antiesenhofen, das sich Protiwensky, der aus dem Düngemittelgeschäft kommt, als Lagerstandort gesichert hatte.

Masse mal zehn
Die räumliche Vergrößerung hat Ecofly auch kapazitätsmäßig nach oben katapultiert: Statt 26 Tonnen Larvenmasse wie noch zu Garagenzeiten kann das Start-up nun jährlich an die 100 Tonnen tierisches Protein herstellen. Wirtschaftlich wäre das im Moment rentabel. Aber eben nur im Moment, wie Weinberger erklärt: "Zur Zeit sind die Preise für Protein recht hoch. Doch mit dem bald steigenden Angebot wird er hinuntergehen und daher müssen wir noch einmal um das Zehnfache größer werden, um uns langfristig abzusichern."
Damit steht Ecofly in absehbarer Zeit ein Standortneubau ins Haus, wobei Geschäftsführer Weinberger allein aus Nachhaltigkeitsgründen die Neunutzung eines Leerstandes am liebsten wäre. Ende 2019 wollen Forster, Protiwensky und er den skalierten Prozess soweit im Griff haben, dass die Planungen für die künftige Großanlage beginnen können.

Larvenhumus: Der Boden ist bereitet
Mit einem Produkt wird Ecofly allerdings schon vorher auf den Markt kommen: Mit "Hermis Larvenhumus", wie sie ihren Spezialdünger getauft haben, der sich besonders gut für den Garten-und Gemüsebau eignet. 100 Tonnen sollen noch 2019 auf Amazon und im Direktverkauf über den Ladentisch gehen. "Das klingt viel,", relativiert Weinberger, "ist aber verglichen mit den im Düngemittelgeschäft üblichen Dimensionen, wo 1.000 Tonnen nichts Besonderes sind, noch eine bescheidene Menge." Doch selbst wenn es sich bei einer Hundertertonnage noch um eine bescheidene Menge handelt: Der Anfang ist gemacht.

Mehr zum Start-up Ecofly gibt's hier!

Fotos: tech2b/Andreas Balon

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