Der Kameramann im Lärm

Das Leondinger Start-up Seven Bel erfindet die Kameras zur Lärmfotografie neu.

Dass zwischen Gegensätzen oft eine starke Anziehungskraft wirkt, ist ein Gemeinplatz. Er trifft auch auf Thomas Rittenschober zu. Zwar nicht auf menschlicher Ebene, denn mit seiner Ehefrau Barbara schwingt der Start-up-Gründer aus Leonding auf einer Frequenz. Doch auf der Ebene des Unternehmensgegenstandes von Rittenschobers Anfang 2o18 frisch gegründetem Familienunternehmen Seven Bel. Der besteht in Thomas Rittenschobers großem Arbeitslebensthema: dem Lärm.
Das ist umso bemerkenswerter, als der promovierte Mechatroniker und Betriebswirt mit seiner überaus kultivierten Art das Gegenteil von Lärm verkörpert. Viel eher als in der Auseinandersetzung mit der akustischen Geißel der Menschheit kann man sich den musisch wirkenden Mann gut als Cellisten mit einem Faible für die Sonaten von Bach vorstellen. Doch statt mit Noten, Saiten und Bogen befasst sich Rittenschober den längsten Teil des Tages zwecks Lärmvermeidung mit der Perfektionierung jener kleinformatigen Akustikkamera, die er im Kellerlabor seines Hauses bald zur endgültigen Marktreife entwickelt haben wird.

Bilder vom Lärm
Die Leidenschaft für das Problem und Phänomen Lärm ist in Rittenschober mittlerweile vor gut und gerne 15 Jahren entbrannt. Im Zuge seiner Dissertation während seiner anschließenden Tätigkeit in der angewandten Forschung und weitere acht Jahre lang als technischer Entwicklungsleiter im Gesundheitsbereich von General Electric wird das Thema Akustik zu seinem treuen Begleiter. Immer wieder war er dabei vonakustischen Kameras fasziniert, die es seit der Jahrtausendwende käuflich zu erwerben gibt. Ähnlich einer Wärmebildkamera vermögen sie akustische Ereignisse bildlich darzustellen. Das Foto oder Video einer Akustikkamera zeigt, woher der Schall kommt und wie er sich verteilt. Außerdem verraten die Bilder, welche Lautstärken dabei wo auftreten und in welchem Frequenzspektrum sich das abgebildete akustische Ereignis abspielt.
Das sind goldwerte Informationen für alle, die akustisch gestalten wollen. Insbesondere im Bereich der Produktentwicklung: In einer hörbar reizüberfluteten Welt legen die Konsumenten beim Kaufen und Benutzen technischer Geräte immer größeren Wert auf angenehme akustische Eigenschaften.
Clevere Unternehmen wiederum nutzen schon seit vielen Jahren Sounddesign, um ihre Produkte auch auf akustischer Ebene unverwechselbar zu machen und ihre Qualitätsansprüche ins Konsumentenohr zu transportieren. Das geht von der basslastig satt ins Schloss fallenden Autotür (Solidität!) bis zum akustisch normierten Geräusch, welches den Biss in ein Butterkeks begleitet (Frische!).

Kompakter, smarter, günstiger
Der wertvolle Beitrag von Akustikkameras dazu hat bisher einen stattlichen Preis: "Eine gute Kamera kostet ab 40.000 Euro aufwärts", sagt Thomas Rittenschober. So teuer herkömmliche Akustikkameras sind, so unhandlich sind sie auch: Halbmetergroße Apparate, die jeden Akustikkameramann wirken lassen, als wollte er Signale aus dem All einfangen.
Mit dMAC – das Kürzel steht für dual Microphone Acoustic Camera – von Seven Bel wird nun alles anders. Rittenschober hat die seit zig Jahrzehnten unveränderte Messtechnologie umgekrempelt, radikale Hardwareentrümpelung betrieben und auch sonst vereinfacht, wo es nur möglich war.

Das Ergebnis ist ein handlich-schlanker Zylinder mit ein paar Mikrophonen, der sich an einem kleinen Stativ um die eigene Achse dreht – ohne Motorantrieb. Das Messergebnis wird in Echtzeit als Bild oder Video auf Smartphone, Tablet, Laptop oder Standrechner gespielt. Und so dargestellt, "dass man kein Akustikfreak sein muss, um  etwas damit anfangen zu können", wie Rittenschober verspricht. Die Software dazu hat Rittenschober selbst geschrieben; gegenwärtig wird sie im Zuge eines FFG-Projektes in Kooperation mit dem Mobile-Computing-Bereich der FH Hagenberg optimiert.

In stiller Zurückhaltung
Abgespeckt hat Seven Bel nicht nur bei der Hardware, sondern auch beim Preis: "Unser Gerät ist deutlich günstiger als eine klassische Akustikkamera." Mit seiner Handlichkeit, Usability und dem gesundgeschrumpften Preis wird dMAC von Seven Bel für einen großen Markt interessant: Für Fahrzeug- und Maschinenbauer, für Haushaltsgerätehersteller, für Bauakustiker und Akustikmessdienstleister, ja selbst für Kommunen, die etwa eine akustische Problemzone über einen längeren Zeitraum beobachten wollen. "Global gibt es für uns 150.000 adressierbare Kunden", haben Thomas und Barbara Rittenschober analysiert.
Nur die wenigsten wissen bereits von Rittenschobers Entwicklungserfolg und von Seven Bel. Mit einer Handvoll renommierter Industriekunden testet Rittenschober derzeit dMAC, um ihr den letzten Schliff zu geben. In aller Stille, denn Seven Bel hat sich bis zur Patentanmeldung im Februar 2019 bewusst jeden medialen Auftritt und sogar eine eigene Website versagt: Soll der Mitbewerb doch ruhig weiterschlafen. Nur dass Seven Bel 2018 bei der von tech2b unterstützten Innovation Challenge des Glasindustriebetriebs LiSEC erfolgreich war, ließ sich nicht ganz verheimlichen.

Das wird wohl eine Erfolgsgeschichte
Da die Patentanmeldung auf Schiene ist, kann Seven Bel die Bühne nun betreten. Das Stück dafür ist mit Unterstützung von FFG, AWS und tech2b bald fertiggeschrieben – und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erfolgsgeschichte. Denn bei Seven Bel steht einer hohen technischen Kompetenz auch ein adäquates wirtschaftliches Knowhow gegenüber: Barbara Rittenschober ist Handelswissenschafterin und praktizierende Steuerberaterin, deren Akribie und Beharrlichkeit Seven Bel bereits beim erfolgreichen Stellen der Förderanträge zu Gute gekommen ist. Die Premiere – der Markteintritt – ist im zweiten Halbjahr 2020 geplant. Einen Titel hat das Stück übrigens auch schon: "Sound Imaging. For Everyone".


Seven Bel
Der Name ist Programm: Bel ist eine akustische Maßeinheit, deren Zehntelgrade als Dezibel geläufig sind. Sieben Bel entsprechen 70 Dezibel und damit jener Lautstärke, über der akustische Dauerschall-Ereignisse für den Menschen potenziell gesundheitsgefährdend sind. Seven Bel unterstützt mit seiner Technologie die Industrie in der Entwicklung von für den Menschen lärmverträglichen Produkten und Prozessen.

Mehr zum Start-up Seven Bel gibt's hier!

tech2b/Andreas Balon

<< zurück