Tractive: Michael hoch drei

Es ist ein Start-up-Märchen wie aus dem Silicon Valley, das in der Geschichte von Tractive denn auch eine erhebliche Rolle spielt. Doch es beginnt in Aigen-Schlägl, dem Kindheitsort von Michael Hurnaus. Die Schule gibt der aufgeweckte junge Mann für eine Lehre zum Vermessungstechniker auf. Nach erfolgreichem Lehrabschluss holt er die Matura an der Abendschule nach, um an der Fachhochschule Hagenberg Medientechnik und -design sowie Digitale Medien zu  studieren. Von Hagenberg aus ergattert er einen Praktikumsplatz in den Microsoft-Headquarters in Redmond im US-Bundesstaat Washington. Auf dem bewährt sich der österreichische Student derart gut, dass ihn der Softwaregigant als Projektentwickler weiterbeschäftigt. "Ich habe an Microsoft Surface mitgearbeitet, als das Ganze noch ein großer, klobiger Tisch war", erinnert sich Hurnaus.

Ein Stück die Küste hinunter
Danach lässt sich Hurnaus zu Amazon abwerben. Zunächst nach Seattle, dann ein Stück die Westküste hinunter nach Cupertino im kalifornischen Silicon Valley. Dort leitet Hurnaus "als Bindeglied zwischen Entwicklern, Testern, Designern und Produktplanern" eines der Teams, das den Amazon-Reader Kindle Fire entwickelt. Obschon die nächsten Karriereleitersprosse bereits in Griffweite ist, steigt Hurnaus nach insgesamt fünf Jahren in den USA aus und kehrt mit seiner Frau nach Österreich zurück. Mit goldwerter Erfahrung, geschärftem Sinn für das große Geschäft und einem klaren Berufswunsch: Entrepreneur.

Michael, Michael und Michael
Zu denen, die den Heimkehrer begrüßen, gehört Runtastic-Mitgründer Florian Gschwandtner. Der langjährige Freund und Hagenberg-Jahrgangskollege von Hurnaus macht den angehenden Gründer auf die Hagenberg-Doktoranden Michael Lettner und Michael Tschernuth aufmerksam und mit den beiden Mobile-Computing-Spezialisten bekannt. Damit ist das Gründertrio von Tractive komplett. "Wir haben von Anfang an gewusst, dass wir das GPS-Tracking besser machen können", erzählt Hurnaus von den Ausgangsbedingungen. "Und dann haben wir uns gefragt, in welchem Bereich wir ansetzen sollen." Gleich zu Beginn treffen die drei Michaels eine strategische Erfolgsentscheidung: "Wir haben uns entschieden, in einem ganz bestimmten Nischensegment die Besten werden zu wollen", sagt Hurnaus, "statt in mehreren Bereichen guter Durchschnitt zu sein."

Auf den Hund kommen
GPS-Tracking hilft unter anderem, Verlorenes wiederzufinden. Vieles kann verloren gehen: Autos, Schlüssel, demenzkranke Menschen. Und Haustiere. Dass ein entlaufener Hund Hurnaus, Lettner und Tschernuth zur Entwicklung ihres Trackers bewogen habe, ist der Gründungsmythos von Tractive. Eine schöne Geschichte mit einem kleinen Haken: Sie entspricht marketinghalber nicht ganz den Tatsachen. "Fakt ist, dass wir uns die Märkte alle sehr genau angeschaut haben", schmunzelt Hurnaus. "Als wir gesehen haben, dass der Haustiermarkt als eines von ganz wenigen Segmenten auch während der Rezession gewachsen ist, war klar, was wir machen."
2012 lassen die drei Tractive ins Firmenbuch eintragen. Die Freunde von Runtastic sind so wie die im Uhrengeschäft erfolgreichen Gebrüder Krippl Mitgesellschafter und Mentoren, die Runtastic-Zentrale in Pasching ist die erste Firmenadresse von Tractive. Auch der Geschäftsengel Hansi Hansmann stellt Kapital zur Verfügung. Nach einem Pitch bei tech2b generiert das Start-up zusätzliche Mittel, "denn als Hardwareproduzent brauchst du Cash", weiß Hurnaus.

Der Schnellere ist der Geschwindere
In Höchstgeschwindigkeit entwickelt das kleine Tractive-Team das erste Produkt: Einen 35 Gramm leichten GPS-Tracker für Katzen- und Hundehalsband samt App, der den Tierhaltern den Aufenthaltsort ihrer Lieblinge in Echtzeit aufs Smartphone oder auf den Rechner spielt.
Das anfängliche (und bis heute beibehaltene) Entwicklungstempo verfolgt einen handfesten ökonomischen Zweck: Möglichst schnell Umsatz zu machen. "Viele begehen den Fehler, zuerst das ganze Universum konstruieren zu wollen und mehr hineinzupacken als die Kunden eigentlich haben wollen", sagt Hurnaus. "Dabei geht es darum, möglichst schnell Geld und Feedback vom Markt zu bekommen."
Tatsächlich gehen die ersten Tractive-Tracker schon 2013 über die Ladentische im Fachhandel, im stationären wie online – und über den eigenen Webshop. Das mit palettenweise Kartons gefüllte Lager dafür grenzt direkt an die Großraumbüros im neuen Standort am Nordrand der Paschinger Plus City.

Alles aus Pasching
"Nur wenn wir das Lager selber führen, können wir es auch laufend optimieren", erklärt der Tractive-CEO. Den Lagerinhalt – zum Tracker sind mittlerweile weitere Produkte wie der Smartphone-Hundetrainer Pet Remote dazugekommen – lässt Tractive in Asien en masse produzieren. Alles andere ist made in Upper Austria: Entwicklung, Industrial Design, Engineering, Soft- und Firmware, die Serverinfrastruktur und der Kundensupport. Dort herrscht eine babylonische Stimmenvielfalt, denn die Tractive-Kunden sind in über 100 Ländern zuhause. Dementsprechend ist tractive.com auch in vierzehn Sprachen abrufbar.
Fünf Jahre nach der Gründung schreibt Tractive nun große Umsatzzahlen, die sich größtenteils dem Absatz in Europa verdanken. Ein märchenhafter Erfolg, für den inzwischen rund 50 Mitarbeiter hart arbeiten. 20 davon in der Entwicklung und jeweils zehn am Help Desk sowie im Marketing. Der Rest kümmert sich um den Verkauf. Die Fixkosten bestreitet Tractive längst aus dem Cashflow, überschüssiges Kapital wird in Wachstum investiert: "Wir wollen jeden Monat mehr Umsatz machen als im Vormonat", sagt Hurnaus.

Onkel Harold aus der Schweiz
Dass es an Kapital nicht mangelt ist unter anderem einer ebenfalls märchenhaften Begebenheit im Jahr 2016 zuzuschreiben: Da trifft am Help Desk die Mail eines begeisterten Tracker-Kunden aus den USA ein, der in Aussicht stellte, sich an der Gesellschaft beteiligen zu wollen. "Sowas kommt immer wieder einmal vor", weiß Hurnaus, "daher haben wir das am Anfang nicht so ernst genommen." Das ändert sich, als  Harold Primat seine Ankunft im Privatjet avisiert. Einige Gesprächsrunden später ist der der französische Ex-Rennfahrer mit Schweizer Wohnsitz dann mit zwei Millionen Euro eingestiegen. Noch mehr wert als Primats Kapital ist das globale Netzwerk des Investors, der aus dem Schlumberger-Erdölclan stammt. Ein Netzwerk, das  Tractive wohl in den kommenden Monaten erstmals so richtig anzapfen wird. Denn dann lancieren die Paschinger ein noch geheimnisumwittertes Produkt speziell für Kanada und die USA. Und wie man Tractive kennt, wird es bestimmt at-tractive genug sein, um den Paschingern auch dort den großen Durchbruch zu bereiten.

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